Gedenken ohne große Resonanz
Nur wenige Arnstädter gedachten der Opfer

ARNSTADT. Mit einem Gottesdienst und einer Kranzniederlegung gedachten die Stadt Arnstadt und leider nur wenige Bürger der Toten des 1. und 2. Weltkrieges, die im Glauben an das Vaterland gefallen sind, während der Vertreibung aus der angestammten Heimat ihr Leben verloren und nach Kriegsende in den Gefangenenlagern der Alliierten auf unmenschliche Art und Weise zu Millionen zu Tode kamen. Erfroren, verhungert, erschlagen. Der Gedenktag an all diese Opfer wurde schon 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen. 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. Im Laufe der Zeit unterlag dieser Gedenktag zahlreichen Wandlungen. Landesweit wurde der Volkstrauertag erstmals in der Weimarer Republik am 28. Februar 1926 begangen. Überall fanden damals Gedenkfeiern für die deutschen Gefallenen des Ersten Weltkriegs statt.

Die Cellesche Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 1926 so: „Der erste deutsche Volkstrauertag soll in erster Linie dem Ehrengedenken unserer im Weltkriege gefallenen Väter, Brüder und Söhne gewidmet sein. Es ist nur zu wünschen, daß sich diese ernste Feier recht tief und fest und feierlich, auch ohne viele Reden und Gesänge, aus dem ureigenen deutschen und menschlichen Empfinden heraus geltend macht in den Herzen des ganzen Volkes.“

Was damals galt, hat auch heute noch nichts an seiner Gültigkeit und Mahnung verloren. Nach 1926 wurde Europa ein zweites Mal 1939 mit Krieg überzogen. Klaus von Dohnanyi, Bundesminister a. D. und Erster Bürgermeister von Hamburg a. D. (SPD) formulierte in seiner Gedenkrede zum Volkstrauertag aus dem Jahr 2012 sich auch darauf beziehend unter anderem:
„Zwar sind viele Jahrzehnte vergangen, Jahrzehnte tiefer Einschnitte und dramatischer Veränderungen, aber die Nation, Deutschland, unser Vaterland, ist geblieben, hatte Bestand. Doch weil auch große Umbrüche stattfanden in diesem vergangenen Jahrhundert, weil der Zweite Weltkrieg nicht nur von Deutschland vom Zaun gebrochen wurde, sondern auch von so unvorstellbaren deutschen Verbrechen begleitet war, fällt es der Öffentlichkeit heute schwer, dennoch der Tapferkeit und des Mutes der toten Soldaten in Ehren zu gedenken.

Ich möchte Ihnen aber hier heute sagen, dass solche Bedenken unbegründet sind. Denn die weitaus größte Zahl der deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges war genauso ehrenhaft, genauso tapfer und genauso pflichtbewusst wie die Soldaten Polens, Frankreichs, Englands, Russlands oder der USA und aller anderen kriegsteilnehmenden Nationen.

Männer und Frauen wurden damals eingezogen, die damalige deutsche Regierung bestrafte Kriegsdienstverweigerer mit dem Tode. Im Krieg selbst, an der Front, standen dann alle Soldaten wiederum in der Pflicht der Kameradschaft, und schließlich hatten sie auch das Gefühl, ihr Vaterland vor dem Eindringen der Kriegsgegner schützen zu sollen.

Niemand wird heute bestreiten, dass es keine gerechte Sache war, für die das Deutsche Reich 1939 den Krieg begann; und niemand wird auch die im Krieg begangenen Verbrechen leugnen. Aber macht das den Einsatz, macht das die Opfer und die Leiden des einzelnen Soldaten geringer? War es nicht oft so in der Geschichte, dass Soldaten von ihrer politischen Obrigkeit für eine ungerechte Sache in Krieg, Verwundung und Tod geschickt wurden? Und ehren wir diese Soldaten nicht dennoch?

Auch die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges verdienen ein ehrendes Gedenken. Wir verneigen uns heute vor all denjenigen, die im guten Glauben an ihre Pflichten und Aufgaben ihr Leben oder ihre Gesundheit als tapfere Soldaten Deutschlands verloren haben. Und wir verneigen uns vor denen, die den Tod durch die Naziregierung erlitten, weil sie sich diesem ungerechten Krieg entziehen wollten oder gar als Widerstandskämpfer versuchten, wie die Offiziere des 20. Juli, dem Krieg ein Ende zu machen. Was für die Soldaten des Zweiten Weltkrieges gilt, das gilt auch für die des Ersten Weltkrieges. Deutschland hat diesen nicht allein begonnen, wie wir heute wissen. Die deutschen Heere waren nicht aggressiver als die der Gegner; auch unser Land verteidigte sich in dieser „Urkatastrophe“, in die alle europäischen Großmächte gleich leichtfertig und gleich schuldig hineingeschlittert sind.
Und so gedenken wir heute auch dieser toten Soldaten in Ehren und mit Dankbarkeit für ihre tapfere Opferbereitschaft und beten, dass kein neuer Krieg, keine neue Katastrophe unser Land in Zukunft verheeren möge.“

Wir wissen – eigentlich seit Jahrzehnten – daß die europäische Urkatastrophe des 1. Weltkrieges nicht nur vom Deutschen Kaiserreich allein verschuldet worden ist, wie der australische Historiker Christopher Clark in seinem Werk „Die Schlafwandler“ – längst nicht als einziger Historiker – belegte. Der 2. Weltkrieg wurde ein Krieg, dessen Verbrechen ungeheuerlicher waren als je zuvor. Ein Krieg, der viele Väter hatte, wie es der Generalmajor der Bundeswehr Gerd Schultze-Rhonhof in seinem Standardwerk tituliert hat.

Wenn wir aber heute die Augen und das Bewußtsein öffnen für all das tragische Geschehen der Vergangenheit, wenn wir den Blick auf die Millionen Opfer richten, dann dürfen wir uns nicht nur verneigen vor all dem unsagbar großen Leid, welches den Völkern angetan wurde, sondern wir müssen vor allem den Blick auf das Heute lenken. Und wir dürfen nicht zulassen, daß Gewalt und Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft, die Politik in Europa und der Welt prägen. Doch genau auf diesem Weg befinden wir uns seit Jahrzehnten. Es scheint, als ob die Völker nichts aus diesem schauderhaften Geschehen gelernt haben. Gerade wir Deutschen aber sollten uns diesem Tag ganz offen stellen.

Es war Charles de Gaulle, der einst sagte: „Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht.“ Eine solche Kultur darf sich aber nicht allein auf Gedenkreden von Politprominenz und kommunalen Amtsträgern beschränken. Das Gedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg muß sich wieder tief in das Bewußtsein der Nation(en) einprägen.

Jene Arnstädter, die an der Gedenkstunde in Arnstadt teilnahmen, sind sich ganz offenbar dieser Verantwortung bewußt. Daß aber die Worte und das Anliegen, wie es Klaus von Dohnanyi formulierte, weder im Gottesdienst noch in der kurzen Ansprache des Arnstädter Bürgermeisters Alexander Dill unerwähnt blieb, zeigt – ebenso wie die an der Zahl wenigen Arnstädter, die an dieser Gedenkstunde teilnahmen – daß das Anliegen des Gedenkens und der Trauer dieses Tages der Masse abhanden gekommen ist. Prominente Mitglieder der LINKEN waren übrigens ebenso wenig zu sehen wie bekannte Arnstädter Persönlichkeiten. Lediglich eine kleine Abordnung der SPD mit MdL Eleonore Mühlbauer und MdL Olaf Kießling (AfD) erwiesen den Opfern Respekt. Es bleibt nur zu hoffen, daß nicht auch die Sehnsucht nach einer gewaltfreieren und gerechteren Gesellschaft abhanden gekommen ist.

Autor: Hans-Joachim König